Widerstand* und Störungen

Widerstand* und Störungen
[Villenkolonie.Gärten.Griebnitzseepark

 

Hedy-Lamarr-Platz, Neubabelsberg, Foto: vv
Hedy-Lamarr-Platz, Neubabelsberg, Foto: vv

 

DER NEUE UFERWEG AM GRIEBNITZSEE

Die GFZK e.V. befragt die Villenkolonie am Griebnitzsee nach ihren Geschichten. Vor 1933 gehörten viele der Villen  jüdischen Eigentümer*innen. 1945 wurden die Gebäude für die Verhandlungsdelegationen der Potsdamer Konferenz „freigemacht“. Die Delegationen der Verhandlungsführer der Potsdamer Konferenz von Harry S. Truman, Winton Churchill/ Clement Attlee und Joseph Stalin nahmen in den Villen am Griebnitzsee Quartier.

Nach 1989 fanden wiederum Besitzer*innen-Wechsel statt, keine*r der ehemaligen Bewohner*innen ist zurückgekommen. Zu „Mauerzeiten“ führte zwischen den Betonwänden der sog. „Postenweg“ der DDR-Grenzgrenzsoldaten entlang. Nach dem Mauerfall 1989 entstand der "Uferweg am Griebnitzsee": ein Spazierweg für alle, Symbol der Freiheit und gemeinsamer Gestaltung. Die Spuren der von hier vertriebenen oder deportierten jüdischen Familien sind nahezu ausgelöscht, wenige Stolpersteine verweisen auf sie. Öffentliche Gedenksteine deuten stattdessen auf Hiroshima und Nagasaki. Geblieben ist ein meandernder Geschichtspfad für Eingeweihte, der nur an wenigen Stellen Einblicke in die historischen Gebäude- und Gartenanlagen gewährt oder auf Gedenktafeln auf Geschichte verweist. Die Entwicklungen in jüngerer Zeit haben hier eine fast drei Kilometer lange Reflexionslandschaft geschaffen.

Seit 20 Jahren kämpft die Bürgerinitiative „Griebnitzsee für Alle e.V.“ für die Zugänglichkeit des Uferwegs. Juristische Verfahren, den Uferweg gegen den Willen der Anrainer als Spazierweg durchgängig wieder zu öffnen, scheiterten. Die Uferwegbeauftragte Elisabeth Hartleb hat eine feine Kultur der Uferweg-Diplomatie etabliert. Die GFZK e.V. entwickelt derzeit neue Narrative. Leitend sind die Begriffe "Widerstand* und Störungen"; derzeit finden intensive historische Recherchen statt, bei der die Öffentlichkeit eingebunden ist.

Für die Jahre 1933-1945 lässt sich skizzieren: In der Villa Sarre (Spitzweggasse 6), der Villa von Armin (Karl-Marx-Straße 25) und dem Haus Riehl (Spitzweggasse 3) lebten und agierten Menschen, die sich dem Dritten Reich entgegenstellten: wenige, aber sehr entschlossene Regimegegner*innen und Widerstandskämpfer*innen: Marie-Louise Sarre kümmerte sich z.B. um die Menschen im "Jüdischen Altenheim" in der ehemaligen Bergstraße 1. Sie brachte ihnen Essen und besorgte Ausreise-Pässe. Marie-Louise Sarre ist bemerkenswert: sie gehörte dem Solf-Kreis an, wurde im KZ Ravensbrück (1943-45) inhaftiert. Verlegt in ein SS-Lazarett gelang ihr im April 1945 die Rückkehr in ihr Elternhaus in Neubabelsberg, um kurz danach zusammen mit ihrer Familie die Villa für die russische Delegation der Potsdamer Konferenz (u.a. General Schukow, 1896-1974) räumen zu müssen. Ihre Spuren verlieren sich nach Kriegsende.

Ganz in der Nähe (Spitzweggasse 3) befindet sich die Villa Riehl. Der Philosoph Alois Riehl gab 1906 dem jungen Mies van der Rohe die Möglichkeit, ein Gebäude im Stil der "Reformarchitektur" zu errichten, einer Bewegung, an dem sich Merkmale der späteren Bauhaus-Bewegung zeigten. "Reformarchitektur", die sich gestalterisch mit der Landschaftsgestaltung von Karl Foerster verband, kann als bauliche Gegenbewegung zur wilhelminischen Baukultur gelesen werden. Das Haus Riehl („Klösterli") mit seinem von Foerster gestalteten Reformgarten entwickelte sich bald zu einem Treffpunkt für philosophische Gespräche und den Aufbruch in die Moderne. Walter Rathenau, Industrieller, Schriftsteller, liberaler Politiker (1867-1922), jüdischer Deutscher, Heinrich Wölfflin, Kunsthistoriker,
Ada Bruhn, Freundin von Mary Wigman, der Begründerin des modernen Ausdruckstanz (Gartenstadt Hellerau/  Dresden) gehörten zum Freundeskreis der Riehls.

Mies van der Rohe realisierte am Griebnitzsee am Griebnitzsee zwei weitere Bauten: 1917 die Villa Urbig (Haus Seefried) in der Virchowstrasse 23 und 1924 die Villa Mosler in der Karl-Marx-Strasse 28/29.

Auch das Leben und Wirken des Widerstandskämpfers Henning von Tresckows verbindet sich mit dem Griebnitzsee. Zeitweise lebte er bei seiner Schwester in der Villa von Arnim und fand hier Zuflucht. Treschow war neben Claus Schenk Graf von Stauffenberg die zentrale Figur des militärischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.

In der Villa Tannwald (Rudolf-Breitscheid-Str. 232) ist der Schriftsteller, Maler und Filmemacher Peter Weiss (1916-1982) geboren, der Verfasser der "Ästhetik des Widerstands" (1975-1981).

Was Widerstand in der Zeit von 1961-1989 bedeutete, möchten wir herausfinden. Der besondere Fokus soll auf ehemaligen Bewohner*innen liegen, die von hieraus den Widerstand organisierten.

Die GFZK e.V. plant, die verschränkte Topographie des Griebnitzseeuferparks erneut zum Gegenstand künstlerisch-konzeptueller Forschungen und Interventionen zu machen. Die Künstlerin/ Glitch-Aktivistin & Forscherin und JD Laura Ranglack erforscht künstlerisch die Biografie der Künstlerin, Schauspielerin und Erfinderin "Hedy Lamarr" (Hedwig Kiesler, 1914-2000). Die GFZK e.V. unterstützt sie in Kooperation mit der Digitalvilla; die Landeshauptstadt Potsdam fördert das Projekt. Prof. Dr. Norbert Gronau (Digitalvilla) hat Lamarr 2019 als Namensgeberin für den dreieckigen Platz (mit dem „seltsamen“ Stein und seinen abgeschliffenen Lochmustern) vorgeschlagen; seither liegt der Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Prozesse und Systeme am Hedy-Lamarr-Platz.  

Als Erfinderin des sog. Frequenzsprungverfahrens ist Lamarr, die dem jüdischen Kulturkreis verbunden war, mit Schlüsselbegriffen wie Widerstand, Feminismus, Systemstörung, Camouflage und Digitalisierung verbunden. Das Projekt in Zusammenarbeit von Laura Ranglack hat zum Ziel, durch experimentelle Methoden digitaler Dekonstruktion, z.B. durch digitale Glitch-Techniken, akustisches Field-Recording, Soundinstallationen, versteckte QR-Codes zeitgemäße Formen ästhetischer Wahrnehmung und ästhetischen Widerstands auszuloten.

Eine Archiv-WP-Internet-Seite soll zu einem Archiv des Widerstands am Griebnitzsee führen: Tourist*innen und Anwohner*innen, ehemalige, gegenwärtige und zukünftige Bewohner*innen, sind aufgerufen, Informationen und Geschichten beizusteuern. Ziel ist es, zeitgemäße Formate des Kulturtourismus zu entwickeln.

Das Projekt wird gefördert von der Landeshauptstadt Potsdam im Rahmen der Projektförderung 2024.

DIGITALVILLA POTSDAM
Hedy-Lamarr-Platz, 14482 Potsdam
Karl-Marx-Str. 67
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Öffentliche Verkehrsmittel
Potsdam, Bahnhof Griebnitzsee