GLITCH: ONTOLOGICAL EXHAUSTIONS

GLITCH: ONTOLOGICAL EXHAUSTIONS & SYSTEM FAILURES

Michael Betancourt, 2025, Movie, 2:00  min., silent, 1920x1080p. Videostill
Michael Betancourt, 2025, Movie, 2:00 min., silent, 1920x1080p. Videostill

Politische Geister, digitale Fragilität und die Rückkehr verdrängter Körper

Der Glitch & die Ontologische Erschöpfung

Mit der Gruppenausstellung GLITCH: ONTOLOGICAL EXHAUSTIONS & SYSTEM FAILURES entstand im Frühjahr 2025 Spazju Kreattiv (Valletta, Malta) eine dichte Atmosphäre aus Reflexionen über Digitalität & Widerstand, Geschichte & Erinnerung, ästhetische Störungen (Glitches), die das Publikum herausforderten, über den Zustand unserer technologieabhängigen Gesellschaft nachzudenken. Mit Beiträgen von Ruth Bianco (MT), Joana Moll (ESP/DE), Katrin Leitner (DE), Nadja Verena Marcin (DE), Michael Betancourt (USA), Ian Keaveny aka crash stop (IR), and Niklas Washausen (DE). Curator: Verena Voigt, Platform Glitch Aesthetics, GFZK e.V. (DE).

Das „Glitchen“ offenbart die fragilen Grenzen unserer Existenz, die wir nicht mehr als unsere eigene wahrnehmen, sondern als etwas, das der Technologie gehört – ein verstörender Bereich der Technokratie und externer, autoritärer Kontrolle. Wir begegnen einer Welt des Nicht-Physischen, einer Welt, die wir weder vollständig verstehen noch kontrollieren. Einer Technokratie, die jedoch nicht frei von Fehlfunktionen, Halluzinationen, unerwarteten Glitches und Bugs ist. Die aber durch Überwachung und Automatisierung algorithmische Abhängigkeiten entstehen lässt, die wir als komplexe Zustände der Erschöpfung wahrnehmen. Das digitale Leben fördert „Algorithmensucht“ (Katrin Leitner), kontrolliert unser Privat- und Geschäftsleben (Joana Moll) und führt uns in unsichere Übergänge (Niklas Washausen). Letztlich entsteht ein schleichendes Unbehagen aus der Unsicherheit heraus, ob wir uns in einer Meta-Natur, einem meta-organologischen Raum oder in einer KI-generierten Maschinen-Technokratie bewegen.

Der Glitch führt die Betrachter:innen in Wissensparadoxa, die Störungen als Ausdruck verständlich machen. Gleichzeitig erzeugt er eine interpretative Erwartungshaltung, die Ambivalenz als Teil eines überkomplexen Interpretationssystems begreift – eines Systems, das sowohl akzeptiert als auch genossen werden kann. Dies hebt Michael Betancourt in seinem Buch „Glitch Theory: Art and Semiotics“ (2023) hervor; in dieser Schrift entwickelt er u.a. auch den Begriff der „Ontologischen Erschöpfung“.

"Glitch Art besteht aus jenen Dingen, die normalerweise als Fehler oder Störungen wahrgenommen werden. Sie macht sich zunutze, dass diese Identifikation zu einer potenziell kritischen Reaktion auf die sonst verborgenen Operationen von Maschinen werden kann. Während Glitch Art die Tradition historischer Abstraktion und neuer Medienkunst fortsetzt, unterscheidet sie sich von anderen Formen digitaler Kunst durch die doppelte Identifikation von Fehlern sowohl als Ausdruck als auch als Fehlfunktion." (Michael Betancourt, 23. Januar 2025)

Der technische Glitch, reflektiert betrachtet, vermittelt tiefgehendes Wissen über die systemischen Schwächen und Bruchstellen der digitalen Welt. Er verortet unser Weltverständnis zugleich in einem metaphorischen Rahmen des A-Natürlichen, Experimentellen, Übernatürlichen und Mechanischen und gewährt Einblicke in die „Black Box“ algorithmischer Systeme.

Aus diesem Wissen über a-physische Fehler erwächst, neben einem dekonstruierenden Wissen, eine ästhetische Expertise für Verletzlichkeit, Dekonstruktion, Fragilität und Zerfall - sowohl aufseiten der Künstler:innen als auch seitens der Betrachter:innen. So wie die Kultur über Jahrhunderte Wissen über die Funktionalität des Organischen in der Natur angehäuft hat, sind wir nun in der Lage, die Funktionsweise der digitalen Welt durch ihre Dysfunktionen zu entschlüsseln, um ambivalente Phänomene zu beschreiben. Ein Beispiel hierfür ist die Videoinstallation „Eastalgia“ von Michael Betancourt im Spazju Kreattiv (2025).


Synästhesie & Technästhesie

Der Glitch bietet dem digital arbeitenden Künstler ein metaphorisches Werkzeug, um technokratische, diktatorische und repressive Systeme sowie neoliberale, kommunistische und kapitalistische Entwürfe der Unmenschlichkeit offenzulegen, zu dekonstruieren, zu visualisieren und zu interpretieren. Die von Glitch Artists und Aktivist:innen entwickelten Programme und Methoden - sowie ihre digitalen Manipulationsmöglichkeiten, Fehlausrichtungen, Verzerrungen, Fehlregistrierungen und mechanischen Defekte – dienen als visuelle Ressourcen, die philosophisch mit einer Systemkritik in der Tradition der Kritischen Theorie (Adorno, Benjamin, Horkheimer, Bürger) verknüpft werden können.

Gleichzeitig setzt Glitch Art die Tradition der kritischen Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts (Postmoderne) fort. Sie bietet eine kritische Antwort auf die Ersetzung menschlichen Urteilsvermögens und handwerklichen Könnens – eine Herausforderung, die erstmals durch technologische Fortschritte wie die Fotografie aufkam. Sie setzt die Linie früherer Kunstbewegungen fort, die sich der Transformationen der Collage bedienten, wie in den historischen Strömungen des Dadaismus, Fluxus, der Konzeptkunst und Appropriation Art. Darüber hinaus verbindet sie sich mit Literatur, Musik und Performance, um „Gesamtkunstwerke“ zu schaffen. So kann Glitch Art als digitale Weiterentwicklung der Synästhesie verstanden werden. Michael Betancourt prägt hierfür einen neuen Begriff: den der „Technästhesie“. Damit gelingt es ihm, die technische Übersetzung unterschiedlicher Arten von Daten in neue ästhetische Empfindungen philosophisch Produkte als Teil des interpretierenden Systems selbst zu fassen.

Glitch Art identifiziert Fluchtwege aus der autoritären Kontrolle

Die Ausstellung GLITCH: ONTOLOGICAL EXHAUSTIONS & SYSTEM FAILURES zeigt, dass Glitch Art weit mehr ist als ein flimmernder Bildschirm. Durch die kollaborativen Arbeiten von Michael Betancourt, Ian Keaveny und Niklas Washausen in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Verena Voigt erleben wir eine Erweiterung der modernistischen und formalen Perspektive. Die praktische Erfahrung des Glitches in rein technischer Analyse (zum Beispiel als Fehler im Videocode oder Übertragungsmedium, der behoben werden muss, um die „Reinheit“ des Mediums zu bewahren) wird in eine semantisch-kontextuelle Perspektive überführt. Auf diese Weise werden Bedeutungen innerhalb des Mediums Kunst transportabel.

"Ontologische Erschöpfung“ identifiziert Fluchtwege aus der autoritären Kontrolle, die durch den Rekurs auf die „innewohnende Natur der Dinge“ geschaffen wird – eine zirkuläre Logik, die darauf abzielt, das Verständnis im Voraus einzufangen und zu begrenzen, aber durch alternative Re/Organisationen und störende Gegenlesarten unterlaufen wird." (Michael Betancourt, 23. Januar 2025)

Die Ausstellung macht den Glitch nicht nur als bewussten künstlerischen Ausdruck erfahrbar, sondern schafft durch neu entwickelte Glitch-Programme auch Werkzeuge, um Zerstörung, Zerfall, Überwachung, technologische Kontrolle oder das Versagen moderner Systeme als Prozesse wahrzunehmen. Verzerrungen, Morphing und Dekonstruktionen werden nicht als Fehler betrachtet, sondern als Aussagen und Möglichkeiten, neue Grammatiken der digitalen Gesellschaftskritik entstehen zu lassen. Sie hinterfragen nicht nur die digitalen Medien, die wir aus sozialen Netzwerken kennen, sondern auch die sich rasant ausbreitenden KI-Medien.


Algorithmische Zensur: Glitch Art zwischen Realismus und Repression

Die Social-Media-Plattformen von Meta (Facebook, Instagram, Threads) bestimmen maßgeblich, welche Kunst sichtbar bleibt und welche nicht. Besonders betroffen ist die Glitch Art – eine Kunstform, die im digitalen Raum existiert und durch algorithmische Entscheidungen zunehmend als „problematisch“ eingestuft wird. Der Fall von Ian Keaveny, einem der wichtigsten Glitch-Künstler weltweit, zeigt, wie Metas Moderationspraxis einer subtilen Form der Zensur gleichkommt: Shadow Banning, Content Demotion und algorithmische Fehleinschätzungen entziehen bestimmten Künstler:innen und Kunstformen die Sichtbarkeit auf der Plattform.

Meta stützt seine Content-Moderation auf „Community Standards“, die scheinbar Vielfalt und Meinungsfreiheit schützen sollen. In Wirklichkeit spiegeln sie jedoch eine amerikanische, oft puritanisch geprägte Vorstellung von Kunst wider. Besonders aufschlussreich ist dabei Metas Ausnahme für „real world art“: Digitale Kunst, wie Glitch Art, fällt nicht unter diesen Schutz und wird leicht als Regelverstoß gewertet. Diese Unterscheidung erinnert uns an den „sozialistischen Realismus“ der DDR oder das Konzept der „entarteten Kunst“ im Nationalsozialismus: Nur eine bestimmte, als „realistisch“ oder „akzeptabel“ definierte Kunst wird toleriert, während andere Formen durch institutionelle Maßnahmen ausgegrenzt oder unterdrückt werden sollen.

Die schleichende Gleichschaltung: Algorithmisierung der Welt

Die Konsequenz dieser Praxis ist eine schleichende Gleichschaltung künstlerischer Ausdrucksformen. Die Algorithmen von Meta sind nicht neutral – sie spiegeln gesellschaftliche und wirtschaftliche Machtstrukturen wider und bestimmen aktiv, welche Kunst sichtbar bleibt. Durch automatisierte Entscheidungsprozesse werden ganze Kunstbewegungen marginalisiert, während Inhalte, die Hass oder politische Propaganda enthalten, oft leichter durch das System rutschen. Diese Mechanismen der algorithmischen Zensur erzeugen eine Kultur der Selbstzensur: Künstler:innen müssen sich anpassen, um nicht von Plattformen ausgeschlossen zu werden.

Der Fall Keaveny macht deutlich: Wer die Parameter für sichtbare Kunst kontrolliert, bestimmt, welche Ästhetiken, Ideen und Narrative in der digitalen Öffentlichkeit existieren dürfen. In diesem Sinne wird der Algorithmus zum modernen Zensor – nicht durch offene Verbote, sondern durch die „unsichtbare Hand“ der digitalen Unsichtbarmachungen.

Der Glitch als Intervention

Im Schatten der Plattformen, dort wo Algorithmen lautlos über Sichtbarkeit entscheiden, beginnt die Digitalisierung ein zweites Gesicht zu zeigen. Ein Gesicht, das nicht neutral ist, sondern von Machtverhältnissen modelliert wird. Der moderne Zensor trägt keine Uniform mehr; er erscheint als Parameter, als Filter und als Regelwerk. Seine Eingriffe hinterlassen keine Stempel, sondern Löcher – Lücken in der öffentlichen Wahrnehmung, stille Auslassungen.

In diesem Klima der Unsicherheit gewinnt der Glitch eine neue Dringlichkeit. Er ist nicht länger bloß technische Störung, sondern Intervention: ein sichtbares Zittern im Gewebe der Systeme, das enthüllt, was diese verdecken wollen. Der Glitch bleibt hartnäckig. Er insistiert darauf, dass die Geschichte brüchig ist, dass Archive Risse haben, dass Erinnerung niemals endgültig kontrolliert werden kann.

Wenn digitale Infrastrukturen beginnen, einer Logik der Vereinheitlichung zu folgen – einer sanften, aber wirksamen Disziplinierung – dann wird Glitch Art zum Gegenentwurf. Sie arbeitet nicht an der Glättung, sondern an der Störung. Sie macht sichtbar, was verschwindet. Sie öffnet Räume, in denen das Fragment eine Form des Wissens wird. In diesem Sinne steht Glitch Art nicht nur im Dialog mit den zerstörten Archiven der Vergangenheit, sondern auch mit den beschädigten Öffentlichkeiten der Gegenwart. Ihre ästhetischen Störungen begreifen das Scheitern der Systeme als Erkenntnisinstrument: Ein defektes Bild ist nicht weniger wahr – oft ist es wahrhaftiger.

Gefördert von dem Spazju Kreattiv als Teil des Veranstaltungsprogramms 2024/2025 (Valletta, Malta), German-Maltese Circle (Valletta), Goethe-Institute (Rom), Valletta Cultural Agency, Valletta Design Cluster, AKSIOMA

BOOK No. 3, 2025
GLITCH: ONTOLOGICAL & EXHAUSTIONS SYSTEM FAILURES
DOCUMENTATION, SPAZJU KREATTIV, VALLETTA, MALTA
Gefördert vom German Maltese Circle / Goethe Institut
In Kürze als englisch-deutsche Print-Ausgabe.

GLITCH: ONTOLOGICAL EXHAUSTIONS & SYSTEM FAILURES, Spazju Kreattiv transforms (March-April, 2025) into an amplifier for reflections on digitality & resistance, history & remembrance. Aesthetic "disruptions" (glitches) created in the exhibits challenge the audience to think critically and historically about the state of our technology-dependent society, enabling an international comparison of protest movements over the past 100 years. Artists: Ruth Bianco, Joana Moll, Katrin Leitner, Nadja Verena Marcin, Michael Betancourt, Ian Keaveny, and Niklas Washausen. Curator: Verena Voigt, Platform Glitch Aesthetics, GFZK e.V.

The project is supported by Spazju Kreattiv as part of the 2024/2025 programme & German-Maltese Circle (Valletta) & Goethe-Institute (Rome). Valletta Cultural Agency/ Valletta Design Cluster & Aksioma (Ljubljana).

@spazjukreattiv
@goetheinstitut