RE:DEFINE PRESSURE
FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS: COLD FEET
Sten Niklas Washausen
RE:DEFINE PRESSURE

FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS: COLD FEET
RE:DEFINE PRESSURE ist als eigenständiges, aber bewusst instabiles Modul innerhalb des Langzeitprojekts FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS konzipiert. Während das Gesamtprojekt insgesamt die Persistenz und Dauerhaftigkeit von Wissens-, Macht- und Kontrollarchitekturen über historische Brüche hinweg untersucht, fokussiert COLD FEET auf jene Momente, in denen diese Architekturen ins Rutschen geraten: dort, wo Systeme ihre epistemische Souveränität verlieren.
Die Performance-Anweisung ist an sich plausibel und vielversprechend: eine Person liest aus dem WÖRTERBUCH DER STAATSICHERHEIT (Berlin, 2016).
Während sie auf einem Fußscanner steht, werden die variierenden Fußdruck-Daten medizin-technisch visualisiert. Doch es zeigt sich bald: Im Zentrum von COLD FEET steht nicht der Körper als Wissensspeicher, sondern der Glitch als epistemisches Instrument. RE:DEFINE PRESSURE simuliert eine Versuchsanordnung, in der der Körper scheinbar zur Messfläche historischer Einschreibungen wird. Diese Simulation ist bewusst ad absurdum geführt, überdeterminiert und wissenschaftlich fragwürdig. Genau in dieser Fragwürdigkeit liegt ihr kritisches Potenzial.
Der Fuß – als unterste, tragende und zugleich prekäre Kontaktfläche zum Boden – wird nicht als Ort einer verborgenen Wahrheit gelesen, sondern als Schnittstelle zwischen Funktionieren und Scheitern. Der gemessene Druck verweist weniger auf Erinnerungen als auf die Instabilität von Erkenntnisversprechen, die behaupten, Geschichte, Trauma oder Affekt ließen sich objektiv erfassen. COLD FEET bezeichnet hier nicht Angst oder Rückzug, sondern den Moment epistemischer Verunsicherung: das Zögern eines Systems, das spürt, dass sein Fundament nicht trägt.
Innerhalb der Glitch-Epistemologie von FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS ist RE:DEFINE PRESSURE mit einem experimentellen Kurzschluss zu vergleichen. Das kollaborative Projekt stellt nicht die Frage, was der Körper erinnert, sondern warum wir immer wieder versuchen, Körper als Evidenzträger zu instrumentalisieren. Der Glitch markiert den Punkt, an dem diese Instrumentalisierung sichtbar scheitert: als Rauschen, Verschiebung, Überlagerung – als Daten, die etwas anzeigen, aber nichts beweisen.
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FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS ist ein im Rahmen von "Von hier aus Zukunft – Kulturland Brandenburg 2026/2027" unterstütztes Kunstprojekt. Kulturland Brandenburg ist gefördert durch Mitteln des Landes Brandenburg; mit freundlicher Unterstützung der brandenburgischen Sparkassen.
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Das Projekt RE:DEFINE PRESSURE wird mit freundlicher Unterstützung von Dr. med. Michael Kassel und Dr. phil. Tilman Engel, Hochschulambulanz, Zentrum für Sportmedizin, Freizeit-, Gesundheits- und Leistungssport, Professur Sportmedizin und Sportorthopädie der Universität realisiert. Die Graphik ist generiert mit Unterstützung der Plattform NOVEL.
DIGITALER KLIMAWANDEL
Basierend auf dem Konzept FALLING FROM THE SHOULDERS OF GIANTS (2026-2027) beschäftigen wir uns mit Zusammenhängen von Kunst, Körper, KI & Kosmos, in Verbindung mit Ost-West-Deutscher Identität, Staatssicherheit & Überwachung, sprachlichen wie körperlichen Einschreibungen in Gewaltregimen. Konzeptionell geht es um Recherchen zum Wörterbuch der Staatssicherheit, Kartierungen der Juristischen Hochschule am Campus Golm (1951-1990), insbesondere der Operativen Psychologie. COLD FEET - LONG ARMS ist der Titel eines 2-jährigen Ausstellungs- und Veranstaltungsprogramms.
Das Veranstaltungskonzept schafft und untersucht aktuelle künstlerische Auseinandersetzungen mit künstlicher Intelligenz, Körperbildern, Kontrolle und Erinnerung – vor dem Hintergrund der Geschichte Brandenburgs als Ort der Macht- und Wissensproduktion. Besonderes Augenmerk liegt 2026 auf der Juristischen Hochschule Potsdam (1951–1990), dem zentralen Ausbildungsort der DDR-Staatssicherheit, und dem dort entwickelten Instrumentarium der Operativen Psychologie, das auf Disziplinierung, Steuerung und Destabilisierung von Personen abzielte.
Mit künstlerischen Methoden digitaler und nicht-digitaler Prozesse werden diese historischen Machttechniken heutigen KI-Dominanzen und Kontrollnarrativen gegenübergestellt.
Wie wird der Körper in ideologischen Systemen durch Technologie konstruiert? Die Ausstellung verknüpft aktuelle KI-kritische Positionen mit den Körperkonzepten der DDR-Staatssicherheit, die mittels operativer Psychologie versucht hat, Menschen durch Überwachung, Isolation, Desorientierung und Selbstzweifel zu destabilisieren. In einer Linie mit Schönheitsidealen, digitaler Optimierung und psychologischer Profilbildung der Gegenwart zeigt sich: Der „optimierte“ Mensch bleibt eine politische Projektionsfläche.
Das Wörterbuch der Staatssicherheit offenbart, wie Sprache zur Vernebelung und Legitimation repressiver Maßnahmen genutzt wurde. Es begegnet der KI-generierten Sprache von heute – mit ihren normativen, entkontextualisierten Outputs – in Form künstlerischer Rekonstruktion, Umcodierung und Verfremdung. Die Ausstellung nutzt das Wörterbuch als Textquelle, ästhetisches Objekt, Denkraum für kritische Kunst sowie als Grundlage für Rezitationen und Interventionen im öffentlichen Raum.